Baden-Baden 2030: Wer bewahren will, muss Änderung gestalten

Zugegeben, auch ich gehöre zu den leicht nostalgisch angehauchten Menschen, die das historische Ambiente alter Städte lieben und sich freuen, wenn ein Stadtbild über Jahrhunderte erhalten werden kann. Als gebürtiger Wiesbadener und Wahl Baden-Badener, beide Städte haben mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick denkt, ist mir der Erhalt des historischen Erbes ein Anliegen. Dass Baden-Baden mit 10 weiteren Städten zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurde, stellt unsere finanziell klamme Stadt vor die Herausforderung, dieses Erbe zu pflegen und zugleich Änderungen aktiv zu gestalten, die kommenden Herausforderungen gerecht werden.

Städte ändern sich, seit es Städte gibt.

Schon immer mussten sich Städte an die Änderung von Umweltbedingungen anpassen oder im schlimmsten Fall, untergehen. Städte sind gewachsen oder geschrumpft, mussten Krisen, Kriege und Umweltkatastrophen bewältigen und haben in der Folge ihr Gesicht verändert. Man muss nicht gleich Pompeji besuchen, um zu verstehen, was ich meine, in jeder Stadt finden sich Belege für Änderungen in Folge extremer Ereignisse.

Herausforderung Klimawandel

Auch wenn manche Zeitgenossen es nicht wahrhaben wollen, die Belege der Wissenschaft sind eindeutig, wenngleich nach wie vor viele offene Fragen existieren, die weiterer Forschung bedürfen.

  • 2024 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1850
  • Die letzten zehn Jahre waren die wärmste Dekade seit 1850
  • Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre erreichte 2023/2024 Rekordwerte
  • Der Wärmegehalt der Ozeane liegt auf Rekordniveau, die Meeresspiegel steigen an
  • Gletscher und Eisschilde verlieren Masse
  • Die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterlagen nimmt zu

In Europa ist die durchschnittliche Temperatur noch stärker als in anderen Teilen der Welt angestiegen. Mit Folgen, so haben beispielsweise Italien und Griechenland in den letzten Jahren heftige Überschwemmungen nach Phasen von Dürreperioden in bislang nicht gekanntem Ausmaß erlebt. Die nach Dürrephasen ausgetrockneten Böden waren extremen Niederschlägen ausgesetzt, die sie nicht mehr aufnehmen konnten. Waldbrände in der Folge längerer Dürrephasen sind keine Seltenheit mehr, die Abschaltung von (Atom-)Kraftwerken in der Folge niedriger Pegelstände der Flüsse ebenfalls nicht. Die Wirtschaft muss sich auf den Wandel der wichtigsten Wassertransportstraße Deutschlands, des Rheins, und niedrigere Transportkapazitäten in der Folge abnehmender Wasserstände einstellen.

Wer mit offenen Augen durch die Lichtentaler Allee oder den Baden-Badener Stadtwald geht, wird unschwer die Folgen des Dürrestresses für den wertvollen, alten Baumbestand erkennen. Bäume, die aufgrund der Dürreperioden der letzten Jahre gefällt werden mussten, sind verloren. Dabei ist Baden-Baden im Vergleich zu anderen Regionen noch in einer komfortablen Position, muss sich aber auch den Herausforderungen stellen. Trockenstressresistente Pflanzen und Bäume, smarte Bewässerungskonzepte und intelligente Lösungen für Bekämpfung von Waldbrandgefahren wurden entweder bereits eingeführt oder stehen vor der Einführung. Auch im Bereich Hochwasserschutz wurde in den vergangenen Jahren investiert.

Dass unsere Stadt auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vor weiteren Herausforderungen in der Folge des Klimawandels steht, sollte Menschen, die sich nicht komplett der Realität verweigern, klar sein. Klimaanpassungsmaßnahmen sind unverzichtbar. Wer in einer Dachwohnung in der Stadt wohnt, erlebt den Stress infolge von Hitzeperioden hautnah. Hitzeaktionspläne zum Schutz der Bevölkerung müssen implementiert und umgesetzt werden. Das Vordringen invasiver Arten in Folge des Klimawandels ist auch bei uns sichtbar. Mit allen daraus resultierenden Folgen für einheimische Arten und Pflanzen.

Ich würde mir wünschen, dass Baden-Baden dem Sendai-Framework beitritt und vom Erfahrungsaustausch mit anderen Städten in der Welt profitiert. Und umgekehrt innovative Lösungen entwickelt, die andere Städte und Regionen inspirieren können. Dazu gehört auch die Nutzung erneuerbarer Energien, die in Einklang mit den denkmalschutzrechtlichen Bedingungen gebracht werden müssen. Wer glaubt, mit fossilen Energien weitermachen zu können, wie in den vergangenen Jahrzehnten, wird sein „blaues Wunder“ erleben. Baden-Badens blau-grüne Infrastruktur zu erhalten und auszubauen wird angesichts klammer Kassen zur Herausforderung.

Herausforderung sozialer Wandel

Die Angst vieler Menschen, zu Verlierern des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels zu gehören, hat verständlicherweise zugenommen. Unsere Sozialsysteme kommen an Belastungsgrenzen und junge Menschen fragen völlig zu Recht, ob ihre Interessen noch Gehör finden. Die Beschreibung Baden-Badens als „überdachtes Altersheim“ mag polemisch und unfair sein, ich fürchte, sie trifft aber insbesondere bei der jüngeren Generation auf zumindest insgeheime Zustimmung.

Angebote für Kinder und Jugendliche müssen auch unter dem Spardiktat klammer Kassen überdacht und wo immer möglich, erhalten und ausgebaut werden. Bildungschancen müssen unabhängig vom sozialen Status oder der Herkunft wahrnehmbar sein.

Umgekehrt fühlen sich viele Menschen älterer Jahrgänge von den rasanten Entwicklungen der Moderne überfordert. Digitalisierungsstrategien müssen darauf ausgerichtet sein, auch weniger technikaffine Menschen mitzunehmen. Das gilt auch und insbesondere für den Bereich der öffentlichen Verwaltung. Städtische Dienstleistungen müssen auch ohne Griff zum Smartphone noch erreichbar sein.

Herausforderung (digitale) Souveränität

Resilienz und Souveränität gehören untrennbar zusammen. Nur wer in der Lage ist, die eigenen Ressourcen kontrolliert einzusetzen, bestimmt letztlich auch, wie mit Krisen aller Art umzugehen ist. Souveränität bedeutet nicht Autarkie und Verzicht auf Zusammenarbeit. Aber sie bedeutet, dass souveräne Subjekte in der Lage sind, freie Entscheidungen zu treffen und Grenzen zu setzen. Über digitale Souveränität habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Souveränität beschränkt sich dabei nicht auf das Feld des Digitalen, wir erleben gerade in diesen Tagen, wie schnell globale Abhängigkeiten von Energie in kalkulierte politische Eskalation bis hin zum Krieg führen können. Wer auf erneuerbare Energien setzt, hilft, Abhängigkeiten zu reduzieren und erweitert souveräne Handlungsspielräume.

Für Baden-Baden würde ich mir darüber hinaus eine Digitalstrategie wünschen, die stärker auf digitale Souveränität und Open Source setzt, als das in der Vergangenheit der Fall war. Nicht nur der Lizenzkosten wegen, obwohl das Argument für sich schon ausreichend sein sollte, sondern vor allem auch um die Kontrolle über Datenverarbeitungsprozesse zurück zu gewinnen.

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